#12
Jahrelang übte Albert sich in dem, was er als "Leben in die Breite" bezeichnete: den Geist an möglichst vielem zugleich teilhaben zu lassen. Stand nicht fest, daß die Möglichkeiten des menschlichen Geistes unbegrenzt waren? Sein Auffassungsvermögen uneingeschränkt? Nun, dann mußte es auch möglich sein, eine sehr große Zahl - womöglich gar eine unendliche Menge - von Gedanken und Bildern gleichzeitig aufzurufen. Bis weit über die Horizonte der normalen Gedankenwelt müßten sie sich aneinanderreihen... bis ins Unendliche... Keine Aufeinanderfolge von Gedanken, sondern Gleichzeitigkeit. Nur so ließ sich die unbarmherzig "in die Länge" verstreichende Zeit unschädlich machen. Nur so ließ sich jeder Bruchteil einer Sekunde endlos in die Breite dehnen. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 380)#11
Jedes Hirn ist wie ein Zirkus, wo ewig ein armes, eingeschlossenes Pferd im Kreise geht. Wie immer wir uns anstrengen, Abweichungen zu suchen, Haken zu schlagen, die Grenze ist nahe und gleichmäßig gerundet, ohne unvorhersehbare Ausbuchtungen und ohne Tür ins Unbekannte. Man muß rundgehen, immer rundgehen in den gleichen Ideen, den gleichen Freuden, den gleichen Scherzen, den gleichen Gewohnheiten, dem gleichen Glauben, dem gleichen Ekel. (Guy de Maupassant: Novellen 1875-1881, S. 278)#10
Demiurg... hab immer geglaubt, das wär ein Chirurg, der mit seinem Studium erst halb fertig ist. Gott hat diesen ganzen verdammten Krempel, den wir die Welt nennen, schließlich auch als eine Art unvollkommenen Abguß von etwas viel Schönerem gemacht... von etwas viel Idealerem, das Ihm zur Verfügung stand. Während wir uns, so gut es eben geht, mit diesem Abguß begnügen mußten... ohne das Original jemals zu Gesicht bekommen zu haben. Das liegt bei Gott im Tresor, und der goldene Schlüssel hängt Ihm an einer Kette um den Hals. (...) Ich meine nur, es wird Zeit, sich an Gott zu rächen, daß er den Bauplan für unsere Welt hat verschwinden lassen. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 40)#9
Heroisch sterben, bah, was für ein Schwindel. Heldentum existiert nur auf den Brettern, nicht dazwischen. Neulich las ich, daß jemand "im Sterben wuchs" und "stolz und würdig verschied". Vielleicht ist ja der händeringende Widerstand - "ich will nicht, ich will nicht" - die würdigste Form. Albert sagt immer, Todesangst sei bei ihm in erster Linie die Angst, nicht sterben zu können. Er fürchtet, sich nicht gehenlassen zu können. Sterben ist schwer, na klar. Aber wenn man sieht, welche Idioten, Schlappschwänze und Feiglinge schon alles gestorben sind... in ihrem Bett, in ihrer Falle, in ihrem Lumpenhaufen... am Straßenrand, auf einem Baum... na, das erlaubt doch nur einen Schluß: daß Sterben ganz leicht ist. Wenn mein Nachbar es kann, kann ich es auch. (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 34)#8
Warum sollte er sich nicht als jemanden betrachten, der sich in einen entlegenen Winkel der Kultur verirrt hatte, in dem zu viele Bücher ungeordnet herumlagen und einen hoffärtig zum Lesen zwingen wollten? Waren die alten Griechen zwangsläufig weniger "belesen" als die Palinxe, weil es in der hellenistischen Kultur weniger Bücher gegeben hatte als jetzt im neunten Stockwerk des Roeter-Gebäude? Die Lektüre durfte durchaus etwas Willkürliches haben, da in keinem Werk die absolute Wahrheit zu finden war. Lesen diente in erster Linie dazu, den Verstand zu schärfen und zu trainieren, und dabei fungierte das Buch als würdiger oder nicht würdiger Gegner, als Sparringspartner. Nur der überhebliche Bildungsprotz meinte, kein einziges "großes" Werk dürfe ungelesen bleiben. Dünkel des Snobs: mit jedem Buch bedeutender zu werden... Nein, es war besser, in einer zu sehr belebten Metropole wolkenkratzender Bücherschränke umherzuirren. Ein antikes steinernes Stadtzentrum, vollgemeißelt mit Zeichen, und darum herum die Außenbezirke aus Tontafeln, Papyrusrollen... ganze Heerlager aus Pergament... ein Abbruchviertel säuregeschädigten Papiers... Zuviel von allem. Brachliegender Papierbrei. Irrgärten von Oeuvres... Ein archtiketonischer Flickenteppich. Warum sollte man nach der ersten Verblüffung nicht die angemessene Gleichgültigkeit gegenüber so vielen Paperback-Elendsvierteln zeigen? (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 222)#7
... wurde der Gedanke, es sei dem Menschen im Grunde unmöglich, wirklich in einen Zustand der Ordnung zu geraten, zur Faszination, nein, Obsession für ihn. Das machte ihm angst, mehr noch als damals, als er bis zum Hals im Chaos versunken gewesen war. Dieses Unvermögen des Menschen, seine Angelegenheiten ordnungsgemäß zu regeln, war vielleicht eine vom Schöpfer, oder wie hieß dieser Lumpenhund noch gleich, absichtlich eingeführte Metapher für die Endlichkeit des Lebens. Im unzureichenden Archiv des Daseins, in dessen unvollständigen Ordnern, verriet sich diese Endlichkeit. Vielleicht war aber auch gar kein schöpferischer Lumpenhund im Spiel, vielleicht sorgte der Mensch unbewußt, aus instinktiver Selbsterhaltung, für eine Art Reserve an Unordnung, um sich gegen den Glauben an ein "ewiges Leben" auf Erden zur Wehr zu setzen. Diesen Spielraum an Ungeordnetheit nannte Albert für sich: die Ungehorsamkeit des Täglichen Lebens, die, so notwendig sie auch erscheinen mochte, einen Menschen ganz schön aus der Bahn zu werfen, ihm die Laune zu verderben und ihm, da schon geringe Unordnung zu komplettem Chaos führen konnte, sogar einen Schubs an den Rand der Verzweiflung und des Selbstmords zu geben vermochte. Wo lag hier das Geheimnis, der goldene Mittelweg? (A.F.Th.van der Heijden: Der Gerichtshof der Barmherzigkeit, S. 91)#6
Überall, wo ein Dichter Lob und Tadel erntet, wo er Wirkung tut oder verlacht wird, wo man ihn liebt oder ihn verwirft, überall spricht man nicht von seinen Gedanken und Träumen selbst, sondern nur von dem Hunderstel, das durch den engen Kanal der Sprache und den nicht weiteren des Leserverständnisses dringen konnte. Darum whren sich auch die Leute so furchtbar, so auf Leben und Tod, wenn ein Künstler oder eine ganze Künstlerjugend neue Ausdrücke und Sprache probiert und an ihren peinlichen Fesseln rüttelt. Für den Mitbürger ist die Sprache (jede Sprache, die er mühsam gelernt hat, nicht bloß die der Worte) ein Heiligtum. Für den Mitbürger ist alles ein Heiligtum, was gemeinsam und gemeinschaftlich ist, was er mit vielen, womöglich mit allen teilt, was ihn nie an Einsamkeit, an Geburt und Tod, an das innerste Ich erinnert. Die Mitbürger haben auch, wie der Dichter, das Ideal einer Weltsprache. Aber die Weltsprache der Bürger ist nicht wie die, die der Dichter träumt, ein Urwald von Reichtum, ein unendliches Orchester, sondern eine vereinfachte, telegraphische Zeichensprache, bei deren Gebrauch man Mühe, Worte und Papier spart und nicht am Geldverdienen gehindert wird. Ach, durch Dichtung, Musik und solche Dinge wird man immer am Geldverdienen gehindert! (Hermann Hesse: Betrachtungen und Berichte II)
#5
Ein Mangel und Erdenrest, an dem der Dichter schwerer als an allen andern leidet, ist die Sprache. Zu Zeiten kann er sie richtig hassen, anklagen und verwünschen - oder vielmehr sich selbst, daß er zur Arbeit mit diesem elenden Werkzeug geboren ist. Mit Neid denkt er an den Maler, dessen Sprache - die Farben - vom Nordpol bis nach Afrika gleich verständlich zu allen Menschen spricht, oder an den Musiker, dessen Töne ebenfalls jede Menschensprache sprechen und dem von der einstimmigen Melodie bis zum hundertstimmigen Orchester, vom Horn bis zur Klarinette, von der Geige bis zur Harfe soviel neue, einzelne, fein unterschiedene Sprachen gehorchen müssen. Um eines aber beneidet er den Musiker besonders tief und jeden Tag: daß der Musiker seine Sprache für sich allein hat, nur für das Musizieren! Der Dichter aber muß für sein Tun dieselbe Sprache benutzen, in der man Schule hält und Geschäfte macht, in der man telegraphiert und Prozesse führt. Wie ist er arm, daß er für seine Kunst kein eigenes Organ besitzt, keine eigene Wohnung, keinen eigenen Garten, kein eigenes Kammerfenster, um auf den Mond hinauszusehen - alles und alles muß er mit dem Alltag teilen! (Hermann Hesse: Betrachtungen und Berichte II)
#4
Man kann auch in unserer Dichtung seit zwei, drei Jahrhunderten eine ganz geradlinige und sichtlich von Gott gewollte Entwicklung finden, wenn es sein muß. Es muß aber nicht sein, und es liegt überhaupt wenig daran, wie wir uns das zurechtlegen wollen. Die Weltanschauungen sind seit dem Kriege ja auch wieder billiger geworden. Es liegt nichts daran, was für Linien wir in der Geschichte unserer Dichtung sehen oder konstruieren. Viel aber liegt daran, ob wir unseren Schatz an Ererbtem mit der dankbaren Ehrfurcht pflegen und blank halten wollen, die man den Taten der Ahnen schuldet, oder ob wir diesen alten Herren Dichtern als gönnerhafte Parvenüs auf die Schultern klopfen wollen. Die Dichtung ist keine Pilzsucht, wie die Leser des ewig Neuesten meinen, sondern auch hier ist der Atem eines Volkes lang und sein Herzschlag langsam. Wer erst die Scheu überwunden hat, der wird auch sehen, daß die Dichtung zweier Jahrhunderte nicht nur ehrwürdiger, sondern auch weit interessanter ist als die eines Jahrzehnts. Und er wird merken, daß manche, sogar viele Bücher aus den siebziger, aus den achtziger, aus den neunziger Jahren schon uralt geworden sind und nach Verwesung duften, während der alte Grimmelshausen, der alte Goethe und andere solche Riesenfiguren unter ihrem leichten Pelz von Moos und etwas Schimmel ganz und unbeschädigt und fabelhaft lebendig geblieben sind. (Hermann Hesse: Betrachtungen und Berichte II)
